Werkstatt-Löhne 2026: Unter 2 Euro statt Mindestlohn

Rund 283.000 Menschen mit Behinderung arbeiten in deutschen Werkstätten und verdienen dort im Schnitt unter 2 Euro pro Stunde. Eine Klage am Arbeitsgericht Münster und ein viraler ZDF-Beitrag haben die Debatte über Mindestlohn und Reform Anfang Mai 2026 neu entfacht.

Was verdienen Werkstattbeschäftigte 2026 wirklich?

Beschäftigte in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) erhalten 2026 durchschnittlich 233 Euro Entgelt pro Monat. Umgerechnet auf die tatsächliche Arbeitszeit entspricht das einem Stundenlohn von unter 2 Euro. Der gesetzliche Mindestlohn liegt im Vergleich bei 13,90 Euro.

Das Entgelt setzt sich aus drei Teilen zusammen: einem Grundbetrag von mindestens 133 Euro pro Monat, einem leistungsabhängigen Steigerungsbetrag und dem Arbeitsförderungsgeld von 52 Euro. Hinzu kommen meist Grundsicherung und Eingliederungshilfe als ergänzende Leistungen.

Was hat die Debatte 2026 ausgelöst?

Am 8. Mai 2026 widmete das ZDF Magazin Royale die Sendung „Grundi-Gate" der Ausbeutung in Werkstätten. Jan Böhmermann hatte zufällig erfahren, dass die eigene Merchandise-Figur „Grundi" zum Teil in einer Behindertenwerkstatt produziert wurde. Die Sendung erreichte ein Millionenpublikum und löste eine bundesweite Diskussion aus.

Parallel rückte eine bereits laufende Klage in den Fokus: Die Gesellschaft für Freiheitsrechte unterstützt den Werkstattbeschäftigten Jürgen Linnemann am Arbeitsgericht Münster. Linnemann fordert die Differenz zwischen seinem Werkstattentgelt und dem Mindestlohn. Das Ziel des Bündnisses ist eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.

Was bedeutet das System für Menschen mit Behinderung?

Beschäftigte in Werkstätten haben keinen Arbeitnehmerstatus im klassischen Sinn. Sie erhalten kein Gehalt, sondern ein Entgelt aus dem sogenannten Arbeitsergebnis. Mindestens 70 Prozent davon müssen an die Beschäftigten ausgezahlt werden, was den niedrigen Lohn rechtlich erklärt, aber nicht moralisch rechtfertigt.

Viele Betroffene wissen nicht, dass es Alternativen gibt. Wer in einer Werkstatt arbeitet, ist nicht für immer dort gebunden. Mit einem Persönlichen Budget oder einer Arbeitsassistenz lässt sich der Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt finanzieren. Sie haben Fragen dazu? Unser Team berät Sie kostenfrei.

Welche Reform plant die Bundesregierung?

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas hat angekündigt, noch 2026 ein Gesetz zur Reform des Werkstattentgelts vorzulegen. Konkrete Eckpunkte sind bisher nicht veröffentlicht. Die Bundesarbeitsgemeinschaft WfbM hat am 11. Mai 2026 eine eigene Stellungnahme abgegeben und zwei Reformmodelle ins Spiel gebracht: ein Grundeinkommen für Werkstattbeschäftigte oder einen vollen Arbeitnehmerstatus mit Mindestlohn.

Die BAG WfbM warnt allerdings vor einem alleinigen Mindestlohn-Ruf. Ohne zusätzliche staatliche Finanzierung könnten viele Werkstätten den Mindestlohn nicht aus dem Arbeitsergebnis zahlen, weil viele Beschäftigte nicht die volle Leistung eines Mindestlohn-Arbeitsplatzes erbringen.

Persönliche Assistenz statt Werkstatt: Welche Wege gibt es?

Wer aus der Werkstatt heraus auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln möchte, kann verschiedene Leistungen kombinieren. Eine Arbeitsassistenz nach § 185 SGB IX wird einkommensunabhängig vom Integrationsamt finanziert und begleitet Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz. Das Budget für Arbeit nach § 61 SGB IX ist eine zweite Option, bei der Arbeitgeber einen dauerhaften Lohnkostenzuschuss erhalten, wenn sie Werkstattbeschäftigte regulär einstellen.

Eine dritte Möglichkeit ist das Persönliche Budget nach § 29 SGB IX. Damit können Leistungen der Eingliederungshilfe selbst verwaltet und für eine Persönliche Assistenz im Alltag, in der Freizeit oder rund um die Uhr eingesetzt werden. Viele Menschen mit Behinderung kombinieren diese Wege, etwa eine 24-Stunden-Assistenz zu Hause mit einem Budget für Arbeit am Arbeitsplatz.

AssistenzPlus begleitet Menschen mit Behinderung in NRW, Hessen und Rheinland-Pfalz beim Aufbau einer Persönlichen Assistenz. Weitere Informationen zum Persönlichen Budget finden Sie in unserem Info-Zentrum. Bei Fragen zu Ihrer Situation steht Ihnen unser Team gerne zur Verfügung: jetzt Kontakt aufnehmen.